Freitag, 24. März 2017

[Rezension] Die Terranauten - T.C. Boyle

[Rezension] Die Terranauten - T.C. Boyle


Titel: Die Terranauten 
Autor: T.C. Boyle
Seitenzahl: 608
Verlag: Carl Hanser Verlag
ISBN-10: 3446253866
ISBN-13: 978-3446253865
Erscheinung Erstausgabe: 09.01.2017
Genre: Belletristik, Gegenwartsliteratur
Handlungsort: USA




Inhalt:

Anfang der 90er Jahre lassen sich 8 Menschen in einem wissenschaftlichen Experiment unter einer Glasskuppel einschließen. Sie wollen zeigen, dass sie 2 Jahre lang in diesem abgeschlossenen Ökosystem völlig unabhängig von der Außenwelt nur mit den selbst produzierten Ressourcen überleben können und die oberste Devise ist: nichts kommt rein und nichts geht raus. Die Luftschleuse wird erst nach 2 Jahren wieder geöffnet, egal was geschieht....



Cover und Gestaltung:

Das Cover zeigt einen Menschen in einem Schutzanzug, ähnlich einem Astronauten in mitten von grünen Büschen. Was das mit dem Buch zu tun haben soll, ist mir etwas schleierhaft, denn das geschlossene Ökosystem "Ecosphere 2" ist ja eigentlich in allen Belangen viel reiner, als unsere Welt. Wozu man dann einen Schutzanzug braucht, erschließt sich einem auch nach dem lesen nicht. Vielleicht ist es ein Hingucker und erregt Aufmerksamkeit aber für mein Empfinden ist es total widersprüchlich zum Inhalt und man könnte fälschlicherweise mit einem Science Fiction Buch rechnen. 


Meinung:

Das Buch basiert auf einem realen wissenschaftlichen Experiment namens "Biosphere 2", dass in den frühen 90er Jahren in Arizona satt fand und ich erwartete einen spannenden Roman über die Hintergründe des Experiments, aber auch über die Psyche der acht eingesperrten Menschen und die sich mit der Zeit entwickelnde Gruppendynamik sowie die Spannungen unter ihnen. Ich muss allerdings sagen, dass das Buch mir etwas ganz anderes geliefert hat, als ich erwartet habe. 

Die Geschichte steigt sehr langsam beim Tag des letzten Auswahlgespräches der künftigen Terranauten ein und die ersten 100 Seiten dieses Wälzers spielen zunächst einmal in den letzten Wochen vor dem Einschluss, wo es vor allem um den Ruhm der Auserwählten und den Neid derer geht, die es nicht unter die letzten Acht geschafft haben. Und schon hier hatte ich teilweise das Gefühl es mit pubertierenden Teenagern zu tun zu haben und mit der Auswahl fürs Dschungelcamp und nicht für ein seriöses wissenschaftliches Projekt.

Als es dann endlich einmal unter Glas ging hoffte ich, dass das Buch nun endlich eine etwas andere Richtung annimmt. Aber der Hintergrund und der Nutzen des Experiments wird immer nur in kurzen Passagen erläutert. Hauptsächlich geht es um die Beziehungen der 8 Terranauten untereinander. Dies wäre ja an sich nicht so schlimm, wenn es sich um eine glaubhafte psychologische Charakterstudie handeln würde. Aber diese besteht bei T.C. Boyle eigentlich nur aus diversen amourösen Abenteuern, womit er mit dem egoistischen Frauenheld Ramsay die ideale Besetzung geschaffen hat. Und so dreht sich das Leben unter der Glaskuppel vor allem um Sex und spätestens da fühlte ich mich wirklich im Dschungelcamp oder einer schlechten Soap angekommen. Ich hatte wirklich angenommen, dass die Charaktere auf einer psychologisch etwas tieferen Ebene durchleuchtet werden würden, aber so blieb das Ganze einfach nur seicht, primitiv und oberflächlich. Die eigentlichen zwischenmenschlichen Probleme, die in der Realität in den 90er Jahren wohl auch zu Spannungen geführt haben, wie Depressionen, der sinkende Sauerstoffgehalt bei extremen Wetterlagen, der das Leben innerhalb der Kuppel sehr strapaziös und gefährlich macht, die sinkenden Erträge der Nahrungsmittel im Winter, Nahrungsmitteldiebstähle und so weiter werden zwar auch alle kurz erwähnt, aber die daraus resultierende Spannungen niemals tiefer betrachtet und sind so gegen das rum vögeln völlig unter repräsentiert. 

Bezeichnend dafür steht schließlich im Vordergrund dann auch irgendwann ein gewaltiges aus einer amourösen Affäre entstandenes "Problem". Hinzu kommt, dass diese Sache, auf die das Ganze hinaus läuft in der offiziellen Buchzusammenfassung auf der Verlagsseite schon erwähnt wird, aber erst nach 300 Seiten, also der Hälfte des Buches eintritt. Dies ist für mich definitiv zuviel Spoiler im Klappentext und hat mir so auch ganz eine falsche Vorstellung des Buches geliefert, denn ich war eher auf die Auswirkungen und die daraus resultierenden Spannungen gespannt und nicht auf den ganzen langatmigen zähen Weg dahin.

Der Schreibstil ist sehr ruhig und es passiert besonders im ersten Teil des Buches außer dem vielen Sex und Gejammer nicht viel.  Dazwischen hat das Buch eine Menge Leerlauf und Längen, so dass ich mich über weiter Strecken nur durch das Buch durchquälen musste.
Im zweiten Teil der Geschichte gibt es zwar allerlei Spannung zwischen den Teilnehmern, aber das enorme Potential dieser wurde verschenkt, in dem sie meist nur auf einer Seite mal kurz abgehandelt wurden und sich statt dessen hier wieder auf die falschen Details konzentriert wurde. Teilweise hatte ich echt das Gefühl ich lese eine Aufzählung von Ereignissen, statt einer Charakterstudie.

Außerdem finde ich wurde viel Potential dadurch verschenkt, dass die Geschichte nur aus 3 Perspektiven geschildert wurde: unter der Glaskuppel von dem selbstverliebten sexsüchtigen Frauenheld Ramsay und der verantwortungslosen Dawn, die das ganze Projekt gefährdet. Draußen haben wir Dawns beste Freundin Linda, ein neidisches, intrigantes Miststück, dass sich keiner zur Freundin wünschen würde. Durch diese Perspektive behält man den Bezug zur Außenwelt, was eigentlich ganz gut gemacht wurde. Oftmals hätte mich aber auch die Perspektive der anderen Terranauten interessiert und man hätte so auch ein viel genaueres Bild der Gruppendynamik zeichnen können. So mutierten die restlichen Terranauten für mich eher zu gesichtslosen Gestalten im Hintergrund. Man sollte also keinesfalls sympatische Charaktere erwarten, denn das war mir in diesem Buch keiner. Und für mich waren sie auch keinesfalls authentisch. Ich musste mir schon sehr oft ins Gedächtnis rufen, dass es sich hierbei um Menschen im Alter von Ende 20 bis 50 Jahren handeln soll und keine unreifen Jugendlichen.

Das Ende kam für die 600 Seiten langatmiges Geplänkel dann sehr abrupt und ist so offen, dass es eigentlich gar kein richtiges Ende gibt. Offene Enden können ja richtig eingesetzt toll sein. Aber das war wieder so ein Buch, wo ich das Gefühl hatte der Autor wusste selbst nicht, wie er das Ganze eigentlich enden lassen soll und hat deswegen zu diesem Mittel gegriffen.

Es war mein erstes Buch von T.C. Boyle und gerade weil er so ein hoch gepriesener Autor ist, lässt es mich sehr enttäuscht zurück.
Die 1,5 Sterne vergebe ich eigentlich nur für die interessante reale Grundlage des Experiments und der Quintessenz daraus, dass der Mensch auch in dieser autarken Welt immer das bleibt was er ist. 


Fazit:

"Die Terranauten" befasst sich mit einem realen wissenschaftlichen Experiment aus den frühen 90er Jahren und hat viel interessantes Potential. Die Umsetzung ist meiner Meinung nach jedoch gehörig daneben gegangen und setzt auf die falschen Schwerpunkte. So entstand nach meinem Empfinden ein seichter und primitiver Roman, der dem Dschungelcamp Konkurrenz machen könnte und durch die enormen Spoiler in der offiziellen Inhaltszusammenfassung auch noch lähmend langatmig ist.





   Originalität     

   Umsetzung      

    Schreibstil      

     Charaktere     

        Tempo         

          Tiefe         


        Lesespaß      





Kommentare:

  1. Hallo Julia,

    sehr gelungen und differenziert rezensiert. Obwohl es bei mir etwas besser abgeschnitten hat, muss ich dir zustimmen, und werde wohl auch nicht mehr so schnell zu dem Autor greifen.

    Liebe Grüße,
    Nicole

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    1. Ja es war echt enttäuschend, obwohl die Idee super ist. Aber ich hatte mir etwas ganz anderes darunter vorgestellt und hab mich echt durch gequält.

      Vg Julia

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  2. Dnk Nicole wurde die rosa Blase zu dem Buch rasch zerstört. Denn wenn man den Inhalt sieht, bekommt man direkt Bock es zu lesen! Sieht man dann aber in den Kritiken, wo der Autor den Schwerpunkt hingelegt hat, vergeht einem die Freude :(

    "...außer dem vielen Sex und Gejammer nicht viel." das hab ich nämlich dann auch gehört und es wurde von der Wuli gestrichen. Sehr schade!

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    1. Ja sei froh, dass du die Rezis schon vorher gelesen hast. Ich hab es auch bloß zu Ende gelesen, weil ich es bei Lovelybooks gewonnen hatte und an der Leserunde teil genommen habe. Sonst hätte ich es nach spätestens 200 Seiten abgebrochen.
      Naja zumindest hab ich kein Geld dafür ausgegeben ;)

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